In der Druckerei

Die Hunde sind schuld. Beim Spaziergang mit der Queen rennen sie los, um den wöchentlichen in den Palasthöfen parkenden Bücherbus der Bezirksbibliothek anzukläffen. „Ma’am“ ist zu gut erzogen, um sich nicht beim Bibliothekar zu entschuldigen. Sie leiht sich ein Buch aus. Aus Höflichkeit. Und kommt auf den Geschmack. „Die souveräne Leserin“ von Alan Bennett war nur eine von vier wunderschönen Geschichten, die Gabriele Murmurachi als Erzählerin und Bärbel Miethe als „Queen“, beide von der Literarischen Bühne Rheine, in der Druckerei Heuermann interpretierten.

Freitag, 15. März – in der landesweiten Nacht der Bibliotheken boten etwa 200 Büchereien in NRW die unterschiedlichsten Lesungen an. In Neuenkirchen hatte die Katholische Bücherei St. Anna die „Walking Bibliothek“ organisiert: vier Lesungen an vier verschiedenen Orten. Dieses Jahr bereits zum vierten Mal. Nach einem ausgeklügelten System wanderten vier Gruppen von Literatur-Begeisterten reihum von Station zu Station. An Orte, die sonst für Lesungen ungewöhnlich sind.

Beim Friseur

Etwa in einen Friseur-Salon. Im „Haarkonzept“ an der Hauptstraße lasen Marita Krühler-Brüggemann und Rudi Richtermeier aus dem französischen Jugendbuch „Coiffure“ (deutsch: „Über kurz oder lang“) von Marie-Aude Murail. Der vierzehnjährige Louis Feyrières, Sohn eines Chirurgen, will ein Praktikum zur Berufsorientierung in einem Frisiersalon absolvieren, sehr gegen den Willen seines Vaters. Nein, er wird nicht Arzt, er wird ein erfolgreicher Friseur. Schließlich der Stolz seines Vaters. Sein persönliches „Haarkonzept“. Die turbulente, manchmal lustige, manchmal traurige Identitätsfindung, auch und gerade in der Familie, war von den beiden Lesern der Literarischen Bühne sprechtechnisch ein literarischer Hochgenuss.


In der Buchhandlung

Eine Station weiter: In „Büro & Buch Hubert“ las Inhaberin Monika Hubert selber. Eine augenzwinkernde Geschichte, wie sie das Leben schreibt: der sonst Krimiautor Arno Strobel zeigt sich von einer anderen Seite. In „Hochzeitstag“ kauft Pia, eine Zahnarzthelferin, ihr Hochzeitskleid. Die Widrigkeiten gegen ihren Mann, und dass es dann auch noch reißt, traf den Nerv der anwesenden Frauen. „Ich hoffe, ich habe den wenigen anwesenden Männern nicht allzu sehr auf den Schlips getreten“, schmunzelte Hubert.
65 Karten waren, kaum war die Veranstaltung in der Presse bekanntgegeben, in wenigen Stunden ausverkauft. „Wir hätten viel mehr verkaufen können“, sagt Anne Bellinvia, Leiterin der St.-Anna-Bücherei. „Bei den vier Stationen haben wir leider nicht mehr Kapazität“.

Missgeschicke aus der Lokalpresse

In der Bücherei, in der die „Walking Bibliothek“ startete und endete, gab es etwas zum Lachen und Schmunzeln: Jörg Homering, Lokalredakteur und Buchautor, zeigte verunglückte Formulierungen und Rechtschreib-Missgeschicke aus der Lokalpresse, die er in seinen Büchern „Perlen des Lokaljournalismus“ veröffentlicht. Da wird die „beliebte Rektorin“ einer Schule „beleibt – kein Wunder dass die Turnhalle aus allen Nähten platzt“. Und wenn keiner hingeht, wirkt der „Zentralfriedhof wie ausgestorben“.
Neue Orte gesucht

Gute Literatur und gutes Essen gehören zusammen, dafür garantieren neben der „Literarischen Bühne“ die „Schlemmerfeen“: An allen Stationen und zum Ausklang in der Bibliothek gab es passenden Wein und kulinarische Spezialitäten. Der Erfolg gab den Organisatoren Recht. „Wir suchen jedes Jahr außergewöhnliche Orte für besondere Geschichten“, denkt Anne Bellinvia nach dem großen Erfolg bereits jetzt über die „Walking Bibliothek“ 2020 nach. Von der Feuerwehr bis zum Fahrradgeschäft, vom Malerunternehmen bis zum Sitzungssaal des Rathauses, waren Lese-Orte in den vergangenen Jahren dabei. Ideen für das nächste Jahr gibt es genug.