Familie Schürmann/Linnemann knackte das Rätsel und war begeistert von den Details und der Spielstory. | Foto: Lea Helene Kaumanns

Das Freizeitevent „Escape Room“ ist schon lange kein Geheimtipp in urbanen Zentren mehr, sondern erreicht mittlerweile bereits Schulen und Bildungsträger. Es wird erkannt: Spielerisch kann man gut lernen – und im Spiel wächst man zusammen. Die Gemeinde St. Anna hat ihren Mitgliedern in der Woche vom 9. bis 13. September die Möglichkeit geboten, in die Welt des „Löwen von Münster“ einzutauchen. Statt Kriminalgeschichte oder Fantasy-Szenario wird innerhalb von maximal einer Stunde die deutsche Vergangenheit bereist. Genauer gesagt, das Leben und Wirken von Kardinal Clemens August Graf von Galen (vormals Bischof), der im Nationalsozialismus eine bedeutsame Rolle im friedlichen Widerstand einnahm. Die Website fasst die historischen Eckpfeiler so zusammen: „Münster im Sommer 1941: Die Predigten des Bischofs von Galen gegen die Tötung behinderter Menschen durch die Nationalsozialisten verbreiten Mut und Aufrichtigkeit. Doch Opposition und freie Meinung kann in dieser Zeit lebensgefährlich sein…“

Projekt zu Zivilcourage

Das Spiel wurde von Ingenieur Matthias Hecking und Lehrer Winfried Hachmann entwickelt, die in Zusammenarbeit mit dem Schulseelsorger, Markus Hachmann aus Emsdetten, erkannten, dass Kirche und Glaube Erlebnisse brauchen. Auf dem Katholikentag in Münster 2018 entstand die Idee, inspiriert von den Escape Rooms dort, einen mobilen Spielraum zu entwickeln und für Schulen, Gemeinden und Privatpersonen zur Verfügung zu stellen. Die Person Kardinal von Galen entpuppte sich zügig als interessanter Protagonist der Spielhandlung, denn seine ambivalente Haltung im Nationalsozialismus regt bis heute zu Diskussionen an. In der Vorbereitung von „Der Löwe von Münster“ stießen die Entwickler immer wieder auf „Legenden, die sich um wahre Begebenheiten ranken“, so Matthias Hecking. Seit ungefähr einem Jahr tourt das mobile Erlebnisspiel nun durch das Münsterland und darüber hinaus. Das Feedback ist bislang hervorragend: Pädagogische Fachkräfte und Seelsorgende bescheinigen dem Escape Room ebenso wie viele Lernende einen besonderen ‚Aha-Effekt‘ und den Anreiz über Zivilcourage heute ins Gespräch zu kommen. Spielleiter Hecking appeliert eindringlich an die Spielenden und seine Begeisterung für Geschichte und Gleichbehandlung aller Menschen sind deutlich spürbar: „Unsere Vergangenheit zeigt, dass man sich einmischen muss und nicht verharren sollte.“

Alles im Blick: Leopold Evers und Matthias Hecking. | Foto: Lea Helene Kaumanns


Gelebte Solidarität mit allen Menschen

Pastoralreferentin Marie Ramrath und Pfarrer Markus Thoms sind froh über den Gastbesuch des „Löwen“ in Neuenkirchen. Im 120. Jubiläumsjahr der Gemeinde soll etwas an die Gemeinde „zurückgegeben“ werden. Das Angebot an die Gläubigen und Interessierten trage mit zur politischen und gesellschaftlichen Bildung bei. Für die Kirchenangestellten lässt sich bei der historischen Beschäftigung mit der sogenannten ‚Euthanasie‘ im Dritten Reich auch eine Verknüpfung herstellen zur aktuellen Frage „Was ist lebenswert in einer Gesellschaft?“. Die Solidaritätsdebatte, die zurzeit geführt wird, schließt nicht nur Menschen mit Behinderung ein, sondern auch Alte und Kranke. Da muss sich die Kirche klar zum Schutz allen Lebens und der Solidarität mit allen Mitmenschen bekennen. Dass einige Anmeldungen auch von außerhalb des „inneren Kreises der Gemeinde“ kämen, sei hinsichtlich der großen Bedeutung des Themas sehr zu begrüßen.

Spannendes Spiel

Am Montag trat eine Neuenkirchener Familie an, um das Rätsel um den „Löwen von Münster“ zu lösen. Zwei der fünf Teilnehmenden hatten bereits in anderen Escape Rooms Erfahrungen im Kombinieren und Kommunzieren unter Zeitdruck sammeln können. Zu Beginn gab Spielentwickler Hecking eine geschichtliche Einführung in den Zeitkontext und das Thema ‚Euthanasie‘ an Menschen mit Behinderung. Dabei trat der junge Mann nicht oberlehrerhaft auf, sondern schaffte es, ein komplexes Thema so herunterzubrechen, dass ein nachhaltiger Eindruck, aber keine Langeweile entstand: „Jede Kritik am System bedeutete 1941 Lebensgefahr. Vor diesem Hintergrund muss man die Predigten, insbesondere die dritte Predigt vom 3. August 1941, lesen. Kardinal von Galen hat trotz des Wissens um die Gefahr für sein Leben, seine Position als damaliger Bischof genutzt, um sich gegen den sogenannten ‚Gnadentod‘ für Menschen mit Behinderung auszusprechen.“ Ein schweres Thema, aber gerade der Spagat zwischen trauriger Realität und Spannung im Spiel, macht diesen Escape Room so wertvoll. „Das ist jetzt schon echt bedrückend“, sagte nach dem Vortrag eine Teilnehmerin mit einem Seufzer. Trotzdem wagen sich die Spielenden dann vorfreudig in das Jahr 1941.

Jeder Gegenstand könnte ein wichtiger Hinweis auf der Lösungssuche sein. | Foto: Lea Helene Kaumanns

Der Spielablauf ist schnell erklärt: Der Raum kann immer verlassen werden und das Ziel des Spiels ist es, die geheimen Flugblätter zu finden. Dabei sollte alles gründlich durchsucht werden – ohne dabei Möbel zu verrücken. Manche Gegenstände sind Deko, andere haben wiederum eine wichtige Funktion im Spiel. Als ‚Pfadfinder‘ mit typischen Halstuch verkleidet, ging es dann in den liebevoll dekorierten Spielraum. Über Kamera und Mikrofon kann in der Kommandozentrale der Spielablauf begleitet werden. Spielleiter Leopold Evers, ein 16-jähriger Schüler, der über sein Engagement bei den Messdienern zum Unterstützer des Escape Rooms wurde, verfolgte gespannt die Lösungsversuche des Teams und hätte bei Fragen und Problemen Hilfestellungen geben können. Das motivierte Team löste – ohne jetzt zu viel zu verraten – in sehr guten 38 Minuten die kniffeligen Rätsel und Geheimcodes. „Es war spannend, obwohl es zwischendurch auch ein bisschen schwer war“, erklärte Sandra Linnemann am Ende. „Die Atmosphäre war sehr gut, allein durch die Geräusche und die gut inszenierte Story“, findet Frank Schürmann, dem die Begeisterung für das gelöste Spiel deutlich anzumerken war. Auf dem Flur des Karl-Leisner-Hauses wartete dann auch schon die nächste Familie und freute sich auf eine interessante Spielherausforderung. In den folgenden Tagen konnten noch etliche andere Gruppen, Familien und Freundeskreise das nervenaufreibende Spiel in Neuenkirchen spielen und das Rätsel um den Löwen von Münster knacken.

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