So hatte sich Franz Deupmann das letztmalige Aufstellen seines Schaubrüters für die Kinder in der Ludgerischule zu seinem 25-jährigen Jubiläum nicht vorgestellt. Als er am Mittwoch, 11. März, die 50 befruchteten Eier in die warme Brutstätte legte, war von Schulschließung noch keine Rede. Doch am Montag drauf war auf einmal alles anders, denn der schulische Unterricht wurde aufgrund des sich ausbreitenden
Corona-Virus eingestellt. „Was mache ich denn jetzt mit den Eiern?“ fragte Deupmann den Schulleiter Christoph Waltermann. „Das ist doch klar“ antwortete Waltermann „die Eier bleiben in der Schule und die Küken dürfen in aller Ruhe schlüpfen.

Früh schlägt sein Herz für die Hühnerzucht

Franz Deupmann ist Hühnerzüchter mit Herzblut und voller Leidenschaft. Bereits mit zwölf Jahren trat der inzwischen 82-Jährige in die Jugendgruppe des Geflügelzuchtvereins ein. Bei der Kreisshow bei Jörling auf dem Saal durfte er sich nach Rücksprache mit seinem Vater für eine Rasse entscheiden. Sein Blick fiel sofort auf die schwarzen Zwerg-Rheinländer. „Im Frühjahr 1951 radelte ich dann mit meinem Vater und meinem Onkel und einem Fahrrad mit Vollgummireifen und selbstgebastelten Holzpedalen nach Emsdetten, um vom Züchter Heinrich Löchte die Eier abzuholen.“ Im folgenden Herbst war er schon bei den Ausstellungen dabei und erhielt seine ersten Preise. Doch der Hobbyzüchter wollte mehr.

Im Bericht der Jahreshauptversammlung des Rasse- und Ziergeflügelzuchtvereins vom 9. Februar 1995 heißt es: „Der Verein will sich, so Franz Deupmann, noch stärker in der Jugendarbeit engagieren. Geplant sind Schulobjekte „Rund ums Federvieh“. „Wir werden in die Schulen gehen, um den Schülern das schöne Hobby der Geflügelzucht näher zu bringen.“

Küken im Klassenraum

Noch im selben Jahr schlüpften dann in einem Schaubrüter und unter fachmännischer Aufsicht vom damaligen Konrektor Paul David und Deupmann Hühnerküken im Klassenraum. „Das war ein Erlebnis und Gepiepe“, lacht der Züchter. „Der reguläre Unterricht fand nicht wirklich statt und wurde immer wieder unterbrochen, denn dieses Naturerlebnis hielt keinen Schüler lange auf seinem Platz“.
Jedes Jahr stellte der Züchter ab dann den Schaubrüter in einer der drei Neuenkirchener Grundschulen rund um Ostern auf, um den Kindern hautnah zu zeigen, wie sich aus einem Ei ein Küken entwickelt. Und auch in Kindergärten, beim Kinderferienspaß und bei vielen weiteren Veranstaltungen waren die kleinen plüschigen Gesellen die Attraktion bei Groß und Klein.

Das Schönste waren immer die Kinder

„Das Schönste in den 25 Jahren mit dem Schaubrüter waren für mich immer die Kinder. „Dieses Leuchten in den Augen“ und auch Deupmanns Augen leuchten, als er das sagt. „Allein die Begeisterung, die ausbrach, wenn ich die Eier mit einer Lampe durchleuchtete und sie darin das ungeborene Küken sahen. Oder wenn ich ihnen von der Geschichte des Huhns erzählt habe. Das war einfach wunderbar.“


Tägliche Kontrolle und frisches Wasser

Franz Deupmann schaute in den letzten drei Wochen jeden Tag nach seinen Schützlingen in der Schule, drehte die Eier um, stellte frisches Wasser zur Befeuchtung rein und prüfte die Temperatur. Doch es gab auch einen Schreckmoment, als sich der Propeller festgesetzt hatte. „Die Luft konnte nicht mehr richtig zirkulieren“ sagt Deupmann. „Ein Anruf beim Hausmeister Wilfried Hüwe reichte aus, und mit ein bisschen Öl haben wir ihn schnell wieder in Schwung gebracht.“

Die Kinder wurden auf dem Laufenden gehalten

Am 30. März war es dann  endlich soweit und das erste Küken quälte sich durch die brüchige Schale. Aber wer verfolgt den Live-Kükenschlupf, wenn die Schule geschlossen ist und keine Kinder da sind? Doch Lehrkräfte, Schulsekretärin, Hausmeister und Maler waren täglich anwesend und verfolgten voller Spannung Küken für Küken, das sich aus dem Ei befreite. Für ihre Schüler machten sie regelmäßig Fotos und hielten somit alle Kinder auf dem Laufenden. 20 kleine Racker piepten nach Leibeskräften, darunter Holländer Weißhauben und silberfarbene Wyandotten. Und Lia (9 Jahre) hatte Glück. Sie war in dieser Zeit ein Betreuungskind und durfte das Schlüpfen der gefiederten Freunde live miterleben. „Die sind so süß und so plüschig“ strahlt sie vor Freude. Schulleiter Christoph Waltermann bedankte sich im Namen der Ludgerischule für das großartige Engagement und die jahrelange gute Zusammenarbeit. „Sie haben vielen Kindern eine große Freude bereitet, es waren Schulstunden der besonderen Art, die in Erinnerung bleiben.“

Nachfolger für Franz Deupmann gesucht

Zusammen mit seinem Züchterkollegen Adnan Jahaj trug der Ehrenvorsitzende des Rasse- und Ziergeflügelzuchtvereins am vergangenen Freitagmorgen ein allerletzten Mal seinen Schaubrüter aus dem Schulgebäude. „Vor 25 Jahren fing hier alles an und hier endet es heute“, sagt Deupmann schweren Herzens. Die Hühnerzucht möchte er aber auf keinen Fall aufgeben. „Das ist mein Leben“ betont der sympatische Züchter „und wenn sich jemand findet, der Spaß mit dem Schaubrüter hat, will ich auch gerne unterstützend noch weiterhin zur Seite stehen.“ Bei diesen Worten nickt Lia zustimmend, denn so wie sie würden sich viele Kinder sehr darüber freuen.

Texte und Fotos von Heike Zasche