Vielen Menschen ist die Fahrzeugsegnung bekannt, die zum Beispiel bei der Übergabe eines Feuerwehrfahrzeugs stattfindet oder beim letzten Gottesdienst vor den Sommerferien, wo die Fahrzeuge für den bevorstehenden Urlaub und ihren Gebrauch Schutz und Heil vor Gott erbitten.
Auch Gebäude und Räumlichkeiten werden durchaus von Geistlichen gesegnet und mit Weihwasser besprengt, bevor sie ihrer Bestimmung übergeben werden. Doch bei der Anfrage und dem Wunsch von gleichgeschlechtlichen Paaren, einen Segen zu erhalten, geht die Katholische Kirche auf Distanz.
Intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt
Am Montag gab es in unterschiedlichen katholischen Kirchengemeinden Segnungsgottesdienste von gleichgeschlechtlichen Paaren. Auch der Pfarreirat der Kirchengemeinde St. Anna hat sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, das derzeit nicht nur in den Sozialen Medien kontrovers diskutiert wird unter #liebegewinnt. Der Vatikan hat dazu eine ablehnende Haltung.
Als äußeres und sichtbares Zeichen wurde am Montag an der St. Josef-Kirche in St. Arnold die „Regenbogen-Fahne“ aufgehängt, die symbolisch ist für die Vielfalt in den menschlichen Beziehungen. Parallel war in dieser Woche das Hauptportal der Pfarrkirche St. Anna für jedermann geöffnet, damit Interessierte sich eine Videopräsentation zu diesem Thema anschauen konnten.
Hintergründe erklärt
Im Interview mit Pastor Markus Thoms und Pastoralreferentin Marie Ramrath wollte das Mitteilungsblatt mehr wissen über die Hintergründe dieser Aktion. „Hierbei geht es viel weniger um die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren, sondern mehr um ein Zeichen von Toleranz, Respekt und Achtung gegenüber jedem Menschen. Natürlich haben wir diese Werte gegenüber jedem Menschen, trotzdem soll diese Aktion das noch einmal nach außen hin deutlich machen“, bezog Pastor Thoms klar Stellung zu der Aktion des Pfarreirats, der sich, nach teils heftiger Kritik, mehrheitlich zu dieser Aktion bekennt.
Marie Ramrath ist die Klarstellung wichtig, dass die weit verbreitete Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, Schwulen und Lesben seien in der Kirche unerwünscht, eine falsche ist. „Genau das wollen wir nicht hier in Neuenkirchen. Jedes gleichgeschlechtliche Paar ist in der Gemeinde Neuenkirchen herzlich willkommen, sei es zur Feier der Heiligen Messe, zur Begleitung des Kindes bei der Erstkommunion oder zur Segnung von Paaren am Valentinstag“, bekräftigte Marie Ramrath.
Synodaler Weg als Lösung
Pastor Thoms sieht im „Synodalen Weg“ einen weiteren Schritt in die richtige Richtung bei dieser Diskussion. Er sagt, dass Bischof Genn mit anderen Bischöfen auch signalisiert habe, im Vatikan, aber auch beim Synodalen Weg, diese Thematik erneut anzusprechen. „Auch in der katholischen Sexuallehre muss es in den Schulen eine Fortschreibung geben“, äußerte sich Thoms. Er sieht den Synodalen Weg als den passenden Ort für diese Diskussion.
„Der Synodale Weg ist ein Gesprächsformat für eine strukturierte Debatte innerhalb der römisch-katholischen Kirche in Deutschland. Er soll der Aufarbeitung von Fragen dienen, die sich im Herbst 2018 nach der Veröffentlichung der MHG-Studie über sexuellen Missbrauch in der Kirche ergeben haben. Die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken tragen gemeinsam die Verantwortung für den Gesprächsprozess, der auf zwei Jahre angelegt ist und am 1. Dezember 2019 eröffnet wurde“. (Quelle: Wikipedia)
Pastor Thoms sieht Segnungsfeiern kritisch
Markus Thoms, Pastor von St. Anna, steht Segnungsfeiern von gleichgeschlechtlichen Paaren durchaus kritisch gegenüber, aktuell sehe er keinen Bedarf. Anfragen diesbezüglich habe es in der Pfarrgemeinde St. Anna bislang noch nicht gegeben. „Bei dieser ganzen Diskussion geht es nicht um das Sakrament der Ehe, sondern darum, ob es möglich ist, das Zusammensein zweier Menschen zu segnen, die verantwortlich in einer Partnerschaft leben“, sagte Thoms. „Dabei gehe es nicht um die „Ehe für alle“ oder darum, dieses Paar in die Nähe des Sakraments der Ehe zu führen“, ergänzte der Pastor.
Marie Ramrath sieht mit der Segnung, dass die Paare unter den Schutz Gottes gestellt werden. „Jedes liebende Paar kann sich gegenseitig und auch die Gesellschaft bereichern“, stellte Ramrath klar. Pastor Thoms hofft mit dieser Aktion ins Gespräch mit Interessierten zu kommen, sich zu unterhalten und Meinungen zu erfragen. Nur so kann man den Menschen begegnen. „Das war keine einfache Geschichte im Pfarreirat, es gab durchaus auch kritische Stimmen, ja es hat auch Gegenstimmen gegeben“, lautete die ehrliche Antwort des Pastors auf die Frage, wie die Diskussion dort ablief.
Pfarreirat bezieht Stellung
Daniel Feiting, Vorsitzender des Pfarreirats, bezog ebenfalls Stellung zu dem Thema. „Grundsätzlich war es dem Pfarreirat wichtig, dass etwas gemacht wird. Auch wenn man nichts gemacht hätte, wäre das ein Zeichen“, erklärte Feiting. Ihm geht es dabei um generelle Offenheit für alle Menschen. Er sieht in Neuenkirchen und somit auch im Münsterland eine breite Schicht an Katholiken mit einem breiten Horizont, die es gilt, dort abzuholen, wo sie stehen. Erfreut ist Feiting über die Rückmeldung einiger Personen, die ihn als Pfarreiratsvorsitzender kontaktiert haben und ihre Meinung kundgetan haben. „Das ist genau richtig, wir müssen mit den Leuten sprechen und weiterhin im Gespräch bleiben“ sagte Feiting.
Die Durchführung dieser Aktion wurde von rund 75 Prozent der Mitglieder des Pfarreirats befürwortet, 25 Prozent konnten sich nicht dafür begeistern. Letztendlich war es ein Mehrheitsbeschluss. Bedenken wurden unter anderem geäußert, ob man mit der Aktion nicht Unruhe in die Gemeinde trage. Durch Auseinandersetzung kann sich ja durchaus etwas entwickeln. Die öffentliche Stellungnahme des Pfarreirats im Vorfeld der Aktion war den Verantwortlichen wichtig. „Einfach eine bunte Fahne raushängen, dass kann jeder“, erklärte Feiting. Das passiert jedes Jahr zum Schützenfest auch. Hier steckt aber mehr Inhalt dahinter.
Kritiker äußern ihre Meinung
Die Resonanzen, die Feiting in diesen Tagen erreichen, sind vielfältig. Die Meinungen sind unterschiedlich. Man sollte dem Thema mit Fingerspitzengefühl begegnen, jedoch wird man niemals alle Menschen erreichen. Erfreut ist Feiting über den Inhalt der Mails, die Kritiker an ihn geschickt haben. Die Urheber haben sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und ihre Sichtweise offengelegt. „Ich finde das richtig gut. Der Pfarreirat ist nicht nur da, um alle paar Jahre ein Pfarrfest zu organisieren“, signalisierte Feiting die Freude über den regen Austausch und die anfallende Kritik zu diesem Thema.
Als Vorsitzender des Pfarreirats wünscht sich Daniel Feiting den Austausch mit den Menschen in der Gemeinde. Nicht zuletzt die Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche machen die Menschen sprachlos und nachdenklich, sondern auch die Thematik rund um „Maria 2.0“ wurde öffentlich heftig diskutiert. Jetzt kam die Diskussion zum Thema „Liebe gewinnt“ auf, welches an den Pfarreirat herangetragen wurde. Somit sahen sich die Mitglieder beauftragt, Inhalte zu diskutieren und zu prüfen, ob eine Beteiligung sinnvoll ist.
Weiterhin im Gespräch bleiben
Im Optimalfall kommt der Pfarreirat über diese Aktion hinaus mit den Menschen weiterhin ins Gespräch und belebt dadurch das Gemeindeleben. Mit der Position des Pfarreirats kann nun jeder Interessierte Position beziehen und sich mit den Verantwortlichen auseinandersetzen. Jedem muss selber klar werden, wo er persönlich steht und wo er hin möchte. Das gelingt nur durch Austausch und konstruktive Kritik.
