„Da kommt er wieder, der Teppichklopfer“, denke ich mir oft dienstags in der Redaktion im Schatten der St.-Anna-Kirche. Meist um die Mittagszeit kurvt ein kleiner weißer Hubschrauber über Neuenkirchen, manchmal in geringer Flughöhe und mit sportlichen Flugmanövern und dem charakteristischem „Flapp-Flapp-Flapp“, das von den zwei Rotorblättern ausgeht – anders als das Surren bei der vierblättrigen Variante des gelben Rettungshubschraubers.

Doch bevor ich die Kamera gezückt hatte, um das Kennzeichen zu fotografieren, war der wendige Flieger schon wieder verschwunden. Irgendwann bekam ich den Tipp, dass es sich um Kontrollflüge handelt – vermutlich Strom- oder Gasleitungen. Die Neugier des Redakteurs war geweckt. Und richtig: Eine Anfrage beim regionalen Netzbetreiber Westnetz am Rande der Eröffnung des neuen Umspannwerkes in Maxhafen im vergangenen Jahr brachte Aufklärung. „Ja, die fliegen für uns und kontrollieren die Leitungen“, teilte mir die Pressestelle für die Region Ems-Vechte mit, die unter anderem für Neuenkirchen zuständig ist. Weitere Details sollten später folgen. 

Plötzlich klingelte das Telefon

Taten sie auch. Plötzlich und unerwartet klingelte in der vergangenen Woche das Telefon. „Sie hatten sich doch wegen des Hubschraubers erkundigt – wollen Sie am Dienstag mitfliegen?“ Klar wollte ich. Alle Fragen sollten schließlich vor Ort beantwortet werden und auch eine Runde über Neuenkirchen klang verlockend. Als Treffpunkt wurde der Verkehrsflughafen Rheine-Eschendorf vereinbart.

Voller Aufregung, was mich erwartet, und welche Fotoausrüstung ich einpacken sollte, packte ich einfach alles zusammen: Kamera, lange und kurze Brennweiten, eine GoPro und sicherheitshalber ein paar Tüten – man weiß ja nie, schließlich habe ich zu Bundeswehrzeiten so meine Erfahrungen als Passagier in einer BO-105 gemacht. Stift und Block sind sowieso immer dabei. Am Dienstagmorgen dann etwas Ernüchterung, denn das Wetter war ein wenig unstet. Wind, Regen und teilweise diesige Sicht versprachen keinen ruhigen Flug. Doch selbst bei schönem Wetter wäre der Flug alles andere als gemütlich geworden. Doch dazu später.

Denn, bevor der Flieger eintraf und es in die Kanzel ging, gab es ein Pressegespräch und Briefing am Rande des Flugfeldes. „Westnetz verschafft sich in regelmäßigen Abständen einen Überblick über bauliche und sonstige Veränderungen im direkten Umfeld von Gashochdruckleitungen. Das gelingt am schnellsten und preiswertesten aus dem Hubschrauber heraus“, erklärt Mike Gruhn  vom Spezialservice Gas der Westnetz GmbH. Er ist direkter Ansprechpartner der Hubschrauberbesatzung und koordiniert die Einsätze in der Region.

Im Bereich des Regionalzentrums Ems-Vechte der Westnetz gibt es rund 270 Kilometer solcher Leitungen mit den Druckstufen von 5 bis 100 bar. Auch andere Unternehmen betreiben in der Region vergleichbare Gas-Transportleitungen, die zum Teil von der „Pipeline-Crew“ – so wird die Hubschrauberbesatzung auch genannt – mit kontrolliert werden. „Für die Sicherstellung der Verteilung zu den Haushalten ist dann jedoch die Westnetz zuständig, egal, bei welchem Anbieter man seinen Vertrag abgeschlossen hat“, erklärt Dagmar Hallfarth, Leiterin des Regionalzentrums Ems-Vechte.

Die Kontrollflüge dienen der rechtzeitigen Erkennung und Verhütung von Unregelmäßigkeiten, die das Gastransportnetz beeinträchtigen können, erfahre ich weiter. Gefahrenpunkte werden von der Besatzung schnell ausgemacht und an die „Bodentruppen“ weitergegeben, die dann vor Ort erkunden. Im Notfall kann der Heli auch direkt landen, um Gefahren abzuwenden. „Zum Einsatz kommen Hubschrauber, die sowohl von Flughöhe und Geschwindigkeiten das einwandfreie Beobachten sicherstellen und eine Landung jederzeit ermöglichen“, erklärt Gruhn.

Der Pilot orientiert sich dabei aus der Luft an den gelben Pfosten neben den Gasleitungen, zusätzlich hat er den Verlauf noch digital auf dem GPS-gestützten Display vor sich. Dem geschulten Auge des Piloten und des Beobachters entgeht dabei weder ein neues Carport in Leitungsnähe, Ausschachtarbeiten an einer Baustelle oder unwissentlich über der Gasleitung gestapeltes Holz. Alle derartigen Beobachtungen werden im Rechner erfasst und nach der Landung weitergeleitet. Die Kollegen des Netzbetreibers nehmen dann Kontakt mit den Bauherren oder Eigentümern auf und weisen auf die Leitung hin. Auch kleinste Leckagen an den Gasleitungen kann die Crew aus der Luft frühzeitig erkennen, da sich die Vegetation im Umfeld verändert. „Man erkennt dann farbliche Abweichungen auf den Feldern oder bei den Bäumen“, erklärt mir später der Pilot.


Das kann lustig werden

Flapp-Flapp-Flapp – da kommt der Heli, ein Robinson R44, über das Flugfeld angeschwebt. Wobei geschwebt ein wenig untertrieben ist. Er ruckelt eher in Richtung Landeplatz, die Windfahne des Flugplatz zeigt steifen Wind aus Nordwest. Na prima, das kann ja lustig werden, denke ich.

Wurde es dann auch. Der Hubschrauber steht, die gut gelaunte Crew steigt aus und bringt ihr Gepäck zum Tower. Eine Woche lang sind die Piloten Christian Adams und Johann van Herrden von der Firma Heli-Flight aus Reichelsheim bei Frankfurt unterwegs und nächtigen im Einsatzgebiet, wie ich später erfahre. Alle 14 Tage sind die beiden in der Ems-Vechte-Region unterwegs und dienstags halt über Neuenkirchen. Beide fliegen die Routen schon seit Jahren ab und kennen manchen Baum von klein auf und auch die stetig wachsenden Wohngebiete.

Hände hoch, dann ab

„Hi, ich bin Chris“, stellt sich der Pilot vor. Nach einer kurzen Sicherheitsanweisung – „nicht die Hände bei laufenden Rotor heben, sonst sind die ab“ und „nach vorne weggehen, wenn sich der Heckrotor noch dreht; ihr könnt es euch vorstellen“ – geht es in Richtung Flieger. Ach ja, an Tüten hat der Pilot für seine Gäste auch gedacht, denn die letzten Mitflieger hatten sich wohl nicht so wohl gefühlt. Also den Müllsack griffbereit verstaut, aufgrund des kleinen Fliegers dann doch nur die Actioncam und Kamera mit einem Objektiv eingepackt, denn Platz zum Wechseln gibt es nicht. Neben mir nimmt die Regionalleiterin Platz. Ein kurzer Blick rüber zeigt mir, dass auch sie skeptisch ist, wie der Flug denn wohl verlaufen wird, aber Zeit zum Aussteigen bleibt nicht mehr. Der Rotor dreht, die Kanzel ruckelt und kurze Zeit später geht es gegen den Wind bei leichtem Regen in Richtung Bad Bentheim.

Ein Albtraum!?

Ein paar Testbilder versuche ich auf dem Weg, doch mit dem ganzen Gerappel ist das nicht so einfach. Auch die Enge bringt ihre Tücken mit. Rechts befindet sich direkt die Plexiglasscheibe, angeschnallt habe ich keinen Platz, mich da mit dem Objektiv zu bewegen. Bleibt nur die Möglichkeit vorne heraus oder zur linken Seite – möglichst ohne meine Mitfliegerin bei dem Gewackel mit dem Objektiv zu erschlagen. Plötzlich bricht die Maschine nach links weg. Ohne Vorwarnung und gefühlt 90 Grad Schräglage. Wo ich die Mülltüte habe, fällt mir grad nicht ein, ich habe alle Mühe, die Orientierung zu behalten. Die hat Pilot Chris nicht verloren, gekonnt legt er die Maschine auf die andere Seite. Ebenfalls 90 Grad und auch wieder ohne Ankündigung. Ein Traum. Oder Albtraum?

Gute Sicht von oben

Nein, eigentlich ist der Flug recht lustig. „Um besser zu sehen, müssen wir manchmal um den Punkt kreisen und die Maschine, naja halt auf die Seite legen“, erklärt der Pilot. Für Fotos ist dann manchmal sogar eine 360-Grad-Runde nötig. Im Gegensatz zu mir, haben die beiden auf den Vordersitzen dafür auch mehr Platz. Na egal. Einige Bilder sollen am Ende schon dabei sein.

Auf dem Weg nach Bentheim fliegen wir auch über eine Baustelle, wo die Westnetz gerade an einer offen liegenden Gasleitung arbeitet. „Dort wird ein neuer Verteiler gesetzt“, erklärt mir Dagmar Hallfarth, die selbst fleißig Fotos mit ihrem Smartphone schießt. Zack, geht es wieder in die Kurve. Diesmal geht der Schwenk in Richtung Neuenkirchen. Unterwegs versuche ich, mich erneut zu orientieren. Über Wettringen finde ich mich dann schließlich wieder zurecht. Über die neue Umspannanlage in Maxhafen geht es Richtung Gewerbegebiet Süd und weiter Richtung Kirchtürme – nicht ohne die ein oder andere Steilkurve, denn auch hier gibt es Leitungen zu kontrollieren, die Neuenkirchen mit Gas versorgen. Der Hubschrauber nimmt genau die Route, die ich und viele Neuenkirchener alle 14 Tage dienstags feststellen können und sich fragen: „Was macht der da eigentlich?“

Wichtiger Job

Nun, jetzt weiß ich es: einen wichtigen Job! Durch die regelmäßigen Kontrollen aus der Luft können Gefährdungen oder Veränderungen an den Gasdruckleitungen frühzeitig erkannt und durch Fachleute am Boden schnellstmöglich beseitigt werden. Auch wenn der Flieger regelmäßig in der Mittagszeit seinen Turn um den Kirchturm zieht, sorgt er eigentlich doch dafür, dass man in Neuenkirchen ruhig schlafen kann.

Zurück in Eschendorf steige ich erleichtert aus dem Flieger, wenngleich wir uns auf der Rückbank trotz des „Kontrollflugmodus“, wie die Piloten ihren ruckartigen Flugstil nennen, doch amüsiert hatten. Und den Müllbeutel konnten wir am Ende auch wieder abgeben – unbenutzt für die nächsten Mitflieger.