Hans-Willi Giebelen (69 Jahre) aus Kerkrade/Niederlande, verheiratet, ist mittlerweile Rentner. Im Berufsleben war er im Landhandel tätig als Aussendienstler und Hermann Geng (67 Jahre) aus Bad Saulgau. Junggeselle Hermann war leitend tätig in der Stromversorgung bei den Stadtwerken Bad Saulgau. Hans-Willi und Hermann haben sich vor drei Jahren kennengelernt auf einem Treckertreff im wunderschönen Ort Kröv an der Mosel. Im letzten Jahr waren 1.025 Oldtimertraktoren bei diesem Treffen.

Ursprung in Kröv

Der Ursprung dieser Nordkap-Tour war zunächst die Idee, so etwas zu machen. Zusammen beschlossen die beiden Treckerfreunde im vergangenen Jahr in Kröv, in 2019 damit zu starten. Hermann hat im stillen Kämmerlein diese Tour gedanklich entwickelt und aufgeschrieben und hat sich dabei überlegt, wer denn für solch eine Tour als Begleitung in Frage kommen würde. Schnell kam die Entscheidung auf seinen Freund Hans-Willi.  

Im beschaulichen Neuenkirchen, einer Gemeinde mit 14.000 Einwohnern im Kreis Steinfurt/Münsterland, machten Hans-Willi Giebelen und Hermann Geng Station und übernachteten auf einem kleinen Parkplatz am Straßenrand. Hier traf unserer Redakteur Stefan Heuermann die beiden Oldtimer-Fans mit ihren Schleppern.

Technik und Traktoren

Hans-Willi Giebelen fährt einen roten Güldner 45 aus dem Hause Linde. Die Firma Linde baute Traktoren bis zum Jahre 1969, danach stellte man sich komplett auf die Herstellung von Gabelstapler ein. Sein Traktor ist also 50 Jahre alt (Baujahr 1969), ist zwischenzeitlich umfangreich restauriert worden, somit von der Technik völlig in Ordnung. Den Traktor hat er in den Niederlanden gekauft, dort ist er auch immer gelaufen. Gerade erst seit zwei Jahren ist Hans-Willi im Besitz dieses tollen Gefährts, hat von dieser Marke aber noch drei weitere Traktoren in seinem Bestand. Der Güldner 45 hat einen luftgekühlten Vier-Zylinder-Motor mit 45 PS und einem ZF-Getriebe (ZF=Zahnradfabrik Friedrichshafen/Bodensee), also bestens ausgerüstet für die Landwirtschaft. „Mein Traktor ist keine Allradmaschine, sondern eine Hinterradmaschine“ erklärte uns der stolze Besitzer Hans-Willi. Den Schlepper gibt es auch als Allrad-Variante, dann jedoch um ein Vielfaches teurer.

Der Güldner 45 ist nachgerüstet mit einem Allwetterverdeck, original von der Firma Fritzmeyer. Dann gibt es noch einige Zusatzbehälter am Traktor für Materialien sowie Ersatzteile und Reservekanister. Auch zwei Fahrräder gehören zum Reisegepäck, damit die nähere Umgebung erkundet werden kann. Ein Wohnanhänger komplettiert das Gespann des gebürtigen Deutschen. Darin gibt es eine Heizung, einen Kühlschrank und eine Lichtanlage. Für den Notfall hat Hans-Willi ein Stromaggregat mit dabei. Eine Klimaanlage gibt es leider nicht. „Wir fahren dann mit offenem Fenster“ schmunzelt Hans-Willi.

Fendt Farmer 2D mit Wasserkühlung

Sein Kollege Hermann Geng fährt einen grünen Fendt Farmer 2D mit 30 Pferdestärken, Drei-Zylinder mit Wasserkühlung von MWM (Motoren-Werke Mannheim) und zwei Liter Hubraum. Die Firma Fendt kommt ursprünglich aus Marktoberdorf/Bayern. Sein Traktor stammt aus Familienbesitz. Hermann‘s Vater hat den Schlepper 1965 bei der WLZ, heute Baywa, gekauft. Als damals 13-Jähriger hat Hermann den Traktor rückwärts vom Übergabe- und Montageband heruntergefahren, weil sein Vater den Traktor nicht auf Anhieb fahren konnte. Vor fünf Jahren, also in 2014, hat Hermann den Schlepper liebevoll restauriert.

Dieser Traktor ist ausgerüstet mit einem Schnellgang-Getriebesatz, maximale Geschwindigkeit 30 Stundenkilometer. Einen Tempomat sucht man vergeblich. Hermann steht permanent mit dem Fuß auf dem Gas. Es gibt zusätzlich noch einen Hebel für das Handgas. Mit diesem kann man das Gas feststellen. Auch Hermann zieht einen Wohnanhänger hinter seinem Schlepper, einen Hymer Eriba, Troll 35, vier Jahre alt. Dort ist eine komplette Wasseranlage drin für Warm- und Kaltwasser, Abwasseranlage, zwei Wassertanks, WC mit Druckspüler, eine unabhängige Stromversorgung vom ziehenden Fahrzeug, Solarmodule, zwei Batterien, Wechselrichter von 12 Volt auf 230 Volt, 12 Volt Bordsystem.

Alle wichtigen Geräte wie Navigation, Funk, Telefon können über die 12 Volt-Anschlüsse geladen werden. Somit sind Hans-Willi und Hermann völlig autark. Neben der Grundausstattung auf dem Traktor hat Hermann ein Navigationsgerät und ein Kombi-Instrument, welches dem Fahrer Auskunft über die Kabinen-Innentemperatur und die Außentemperatur gibt. Weitere Informationen auf dem Gerät sind Datum und Uhrzeit. Wichtig ist auch die Überwachung der Spannung der Lichtmaschine.

Nun aber genug zur Technik, jetzt zur eigentlichen Tour.

Start am 1. Mai 2019

Hermann ist in Bogenweiler in Baden-Württemberg am 1. Mai 2019 gestartet, einem kleinen Dorf mit ca. 300 Einwohnern. In Weißwasser, im Braunkohleabbaugebiet in der ehemaligen DDR an der Oder-/Neiße-Grenze, hat er seinen Kollegen Hans-Willi mit seinem Gespann getroffen. Von dort an ging die Tour gemeinsam weiter.

Als erstes fuhren die beiden durch Polen. Da gab es bereits das erste Problem bei Hermann bzw. bei seinem Traktor. Der Simmerring hinten links an seinem Traktor am linken Portal am Hinterachs-Übersetzungsgetriebe war rausgesprungen. Das bedeutete Ölverlust, Hermann musste seinen Traktor in Polen reparieren lassen. „So ein Wissen, so ein Können, alles ohne Handbuch und ohne Dokumentation, einfach alles im Kopf zu haben. Nur die Vorstellung, wie solch eine Maschine möglicherweise funktioniert, das ist Wahnsinn. Das sind Handwerker, das sind Könner, das sind Wisser. Der Seniorchef hat das zusammen mit der Juniorchefin begutachtet. Dann ist der Juniorchef mit einem Roller gekommen und hat uns beiden vom Ortsrand abgeholt und zu einem Campingplatz gebracht, wo wir übernachten konnten. Dann ist er zurückgefahren und hat sich an meinen Traktor gemacht“ berichtete Hermann.

Am nächsten Tag wollten Hans-Willi und Hermann bei der Werkstatt vorbeischauen, als um 9.30 Uhr die Seniorchefin anrief und Bescheid gab, dass der Traktor repariert sei. Die Reparatur kostete inklusive Ersatzteile 200 Euro.

Einreise nach Russland verweigert

Nach Polen stand Russland als nächstes Land auf der Etappe. Gültige Visa, alle benötigten Papiere waren besorgt, doch eine Einreise wurde verweigert. „Es herrschten die gleichen Verhältnisse wie in der ehemaligen DDR. Vier Fahrzeuge wurden in die Schleuse gelassen, dann fiel das Tor hinter einem und vor einem zu. Links Zaun, rechts Zaun, hohe Mauern, Stacheldraht, Videoüberwachung, Überwachungstürme, alles reine Schikane.  Dann kam ein Zollbeamter auf die beiden zu, nahm ihnen die Pässe ab, verschwand mit diesen; dann passierte eine ganze Zeit lang gar nichts.

Eine hoch dekorierte Zollbeamtin kam auf Hermann zu und gab ihm als Antwort darauf, dass die beiden einreisen wollten, eine kurze Antwort: „Njet!“ Danach mussten die Gespannfahrer eine Zollerklärung ausfüllen. Diese wurde abgestempelt mit dem Vermerk, „dass nicht einreisewürdiges Material aus der EU eingeführt werden soll und somit die Einreise verweigert wird!“ Mit dieser Entscheidung gab es eine Planänderung. Russland musste umfahren werden über die ehemalige Enklave Königsberg, dem heutigen Kaliningrad. Genau die gleichen Grenzverhältnisse wie in der DDR. Die Reise sollte auch nach St. Petersburg führen. Dort hatten die beiden schon einen Termin mit der deutschen Botschaft ausgemacht, alles vergeblich.


Gift für die Traktoren

Über schlechte Straßen in Litauen führte der Weg weiter, die Traktoren mussten alles geben und gleichzeitig dabei mächtig leiden. Durch die brutalen Rüttelbewegungen brach ein Kotflügel ab, die Lichtmaschine versagte, Kontakte hatten sich gelöst. Beim Traktor von Hans-Willi hatte sich eine Schraube vom Anlasser gelöst, der Anlasser musste umgebaut werden.

Als nächstes stand Lettland auf der Karte. Dort war das Highlight der Besuch des deutschen Soldatenfriedhofs. Der Onkel von Hermann ist in Lettland in Saldus gefallen, liegt dort auf einem deutschen Soldatenfriedhofe begraben. Niemand von der Familie ist bislang dort gewesen. Somit wollte Hermann die Chance ergreifen und seinem Onkel zu Ehren einen Kranz niederlegen auf dem Friedhof. Danach ging es weiter nach Estland, genauer gesagt zur Hauptstadt Tallin. Vier Tage sind daraus geworden.  

„Alle Leute, ob in Tschechien, Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, alle Leute bis jetzt, waren super, super, super gastfreundlich, freundlich, hilfsbereit – bis wir wieder in Deutschland waren. Denn hier ist eine andere Welt. Das haben wir bereits in Dänemark gemerkt. Da ging es los: menschliche Kälte! Das merkt man schon am Verkehr. Das, was wir hier erleben, das ist brutal. Hier ist eine Hektik, ein Verkehr. Dort oben ist alles viel ruhiger. Die sind einen halben Kilometer vorausgefahren, haben Videos gedreht, haben Bilder gemacht und uns interviewt“, sagte Hermann eindrucksvoll. Nach St. Petersburg durften sie ja nicht einreisen, also wieder Planänderung. Mit der Fähre haben die beiden dann von Tallin nach Helsinki übergesetzt.

Extreme Gastfreundschaft

„Das Bewegendste für mich war, die extreme Gastfreundschaft bei den Polen. Bei der Reparatur meines Traktors in Polen hat uns die Seniorchefin zum Mittagessen eingeladen. Die hat uns in eine Gartenlaube geführt und polnisch aufgetischt, solange unser Traktor repariert wurde. Die Geschichte an der Grenze zu Russland, auch markant“, so Hermann.  In Süd-Finnland hat die Dorfgemeinschaft den Dorfplatz aufgeräumt. Da sind die Gespannfahrer spontan eingeladen worden, anzuhalten und zu nächtigen. Dann haben die ein Fest daraus gemacht, haben ein Grillfeuer entfacht. Hans-Willi und Hermann sind eingeladen worden, plötzlich waren 30 Dorfbewohner da, Alt und Jung.

Auf der rund 9.100 Kilometer langen Tour haben die beiden Oldtimer-Freunde viel gesehen und viel erlebt. Aber auch mit unterschiedlichen Temperaturen hatten sie zu kämpfen. Diese reichten von 40 Grad plus im Schatten, die niedrigsten Temperaturen waren minus zwei Grad.

Verabschiedung mit Ortsvorsteher

Wie startet man eigentlich solch eine umfangreiche Tour? Setzt man sich einfach auf seinen Traktor und fährt los? Das wollten wir genauer wissen. Hermann ist in seinem Heimatort Mitglied in einer Interessengemeinschaft Oldtimer. Seine engere Familie, Freunde und Nachbarn haben sich getroffen. Dort wurde bei der Abfahrt am 1. Mai 2019 ein Weißwurst-Frühstück organisiert, mit Theater, mit Gesang, mit Luftballon steigen lassen. Selbst der Ortsvorsteher ließ es sich nicht nehmen und wünschte „Gute Fahrt“!

Bei Hans-Willi war es etwas ruhiger bei der Verabschiedung in Kerkrade/NL. Hans-Willi ist mit seinem Gespann zum Roda Fußballstadion in Kerkrade gefahren. Einige Kollegen vom Fußballclub sowie ein guter Freund, der extra 60 Kilometer mit dem Oldtimer-Traktor angereist war, verabschiedeten ihren Kollegen. Selbstverständlich war seine Frau auch mit dabei, als die große Tour startete.

Wie finanziert man solch eine Tour?

Zum Schluss meines Interviews fragte ich Hermann: „So, jetzt habe ich so viele Informationen von euch bekommen. Jetzt müssen wir auch mal über Geld sprechen! Wie finanziert sich solch eine lange Tour? Gibt es irgendwelche Sponsoren an eurer Seite?“ Darauf antwortete Hermann auf seine schwäbische Art: „Wenn wir von jedem Foto, von jeder Videoaufnahme und für jedes Interview etwas Geld bekommen hätten, dann wäre die halbe Reise finanziert!“

Mit dem Traktor 14 Kilometer auf der Autobahn

Als Redakteur interessierte mich natürlich auch, ob es auf dieser langen Strecke auch mal Probleme mit der Polizei gab. In Posen, einer Stadt im Westen Polens, sind die beiden Gespannfahrer über eine Umgehung gefahren, dort waren zahlreiche Baustellen. Auf einem Zubringer zur Autobahn, der zugelassen war für Traktoren und auch kurz vor der Autobahn noch eine Abzweigung haben sollte auf eine Landstraße, führte der Weg. Plötzlich war Hermann mitten auf der Autobahn, einspurig! Das war mehr als ungemütlich, mehr als 14 Kilometer lang. Dann kam die Mautstation. Was für ein Bild: ein Trecker an der Mautstation auf einer polnischen Autobahn!

Daneben war ein Kontrollhäuschen, ähnlich wie eine Zollstation. Dort hat Hermann angehalten auf dem Standstreifen, ist ausgestiegen und hat sich gemeldet. „Liebe Leute, jetzt ist Schluss. Ich fahr nicht noch mal 14 Kilometer mit meinem Traktor auf der Autobahn. Ruft mir bitte die Polizei“. Nach einer Stunde kam eine junge Polizistin, lachte schallend und sagte, dass ihnen so etwas noch nie untergekommen wäre. Mit Polizeieskorte ging es rund einen Kilometer weiter, bis Hermann wieder auf seinen Freund Hans-Willi traf. Die Polizistin war von der Aktion so begeistert, dass sie erst einmal eine Fotoserie machte, welche zeitnah in der polnischen Polizei-Zeitung erscheinen soll.

Rückkehr nach 2 Monaten und 9.100 Kilometern

Hans-Willi ist am Donnerstag, dem 27. Juni 2019, wieder in seinem Heimatort Kerkrade/NL eingetroffen. Sein Kollege Hermann hatte noch einige Kilometer vor der Brust. Er ist am Montag, dem 1. Juli 2019,  in seinem Heimatort Bad Saulgau/Bogenweiler eingetroffen. 

Abschließend resümierten die ambitionierten Oldtimer-Freunde: „Es war eine sehr schöne Zeit mit tollen Begegnungen und Erfahrungen, aber es war kein Urlaub. Urlaub sieht anders aus. Wir waren uns nicht immer einig, haben aber immer wieder zueinander gefunden. Auch das ist eine persönliche Erfahrung. Wir gehen in Freundschaft auseinander und wir treffen uns weiter!“

Nach der Tour ist vor der Tour

Für eine nächste Tour sind die beiden Gespannfahrer aktuell noch nicht zu begeistern. Sie wollen erst einmal in aller Ruhe ihre Eindrücke von dieser Nordkap-Tour sacken lassen und verarbeiten. Aber wie heißt es doch so schön: Nach der Tour ist vor der Tour!